Happy Eating: Wie uns Essen weniger einsam macht

Volle Räume betreten und sich allein fühlen. Das kenne ich gut. Ich hatte oft das Gefühl irgendwie nicht dazu zu gehören - und das nicht nur als pubertierender Teenager. Auf der einen Seite war da der Druck sich zu fügen, am besten unsichtbar zu machen, also sozusagen das Chamäleon zu spielen, das sich dem Umfeld anpasst. Anpassen wird oft als die leichtere Alternative gehandelt: man trägt, was andere tragen, nickt, wenn andere nicken, lacht, wenn andere lachen. Für mich war diese Variante aber immer die Schwerste, denn ich glaubte zu wissen, dass man mich durchblicken konnte. Und ich glaube, dem war auch so, weil ich mich einfach so gar nicht wohl in dieser fremden Haut gefühlt habe - und es immer noch nicht tue.


„Beim Anpassen geht es darum, eine Situation einzuschätzen und zu werden, wer man sein muss, um akzeptiert zu werden. Zugehörigkeit erfordert andererseits nicht, dass uns ändern, wer wir sind. Wir müssen so sein, wie wir sind.“ — Brené Brown

Mit der Zeit, habe ich den Druck abgebaut, mich anpassen zu müssen. Der Wunsch Zugehörigkeit zu spüren ist aber geblieben und das ist auch richtig so. Wir sind biologisch programmiert dafür, in Gemeinschaft zu leben. Es wird aber immer Personen und Gruppen von Menschen geben, die in uns die Unsicherheit wecken und uns an einen spezifischen Moment der innerlichen Einsamkeit erinnern - meistens aus der Kindheit. Ich habe mich viel mit dem Thema auseinander gesetzt, vermutlich weil ich eine Antwort auf meine Fragen gesucht habe, die mir meine Eltern nicht beantworten konnten: Werde ich meine Clique auch irgendwann finden? Die Antwort konnte ich mir selbst erst Jahre später geben - wir werden eben doch erst wirklich in den Dreißigern erwachsen, wenn wir unsere Kindheitsfragen selbst beantworten können. Was würdest du heute deinem früheren Ich erzählen? Wie eine solch schwierige Frage beantworten, die ja eben nicht nur ist: ‘Ja, natürlich wirst du nicht einsam sein’. Das wäre gelogen, denn ich habe viele Momente innerlicher Leere durchlebt, die ich gar nicht als Einsamkeit erkannt habe. Für mich lautet die Antwort auf die Frage heute eher so: ‘Du wirst lernen du selbst sein zu dürfen und dir erlauben auch nicht dazugehören zu müssen.’


Achtsam beim Essen: Fülle oder Völle?


Was hat das Thema Essen damit zu tun? Gute Frage. Genauso wie das Thema Zugehörigkeit versus Einsamkeit ein Thema ist, das oft nur im Untergrund in uns brodelt, sprechen wir auch nicht gern darüber, was wir dagegen tun. Meistens wissen wir auch gar nicht, dass wir eine Strategie haben - eigentlich versuchen wir Leere zu füllen oder unbequeme Gefühle zu verdrängen: durch Essen, Trinken, repetitive schlechte Angewohnheiten im Grunde. In Teenagerjahren habe ich bei vielen FreundInnen beobachtet, wie Frustessen ein Thema wurde, das eben nicht thematisiert wurde, im Studium kam dann das coole Trinken dazu und als sogenannte Erwachsene im Berufsleben, kam ich selbst oft mit einem leeren Magen nach Hause, der ein Symbol für eine emotionale Leere, eine fehlende Verbindung stand. Ich habe es dann einige Male mit Schokolade versucht, funktioniert hat das nicht. Ich fühlte mich im Grunde nur elender, mit tat es instinktiv für meinen Körper Leid, dass ich mir doch nicht die Zeit genommen hatte, für uns zu kochen. Und obwohl ich sonst unter anderen Umständen nicht dankbar dafür bin, bin ich froh, dass mir meine Lebensmittelintoleranzen sehr früh sehr klar signalisiert haben, was der Unterschied zwischen Fülle und Völle für meinen Körper und vor allem für meine Seele bedeuten. Fülle ist eben das liebevoll zubereitete Essen, etwas das man aus Selbstliebe für sich tut - in einsamen Zeiten oder als Liebe zu Mitmenschen - in geselligen Zeiten. Völle brauche ich wohl nicht erklären. In unserer schnelllebigen Gesellschaft haben wir viele Probleme mit Völle und gleichzeitiger emotionaler Leere - du würdest lügen, wenn du behaupten würdest, dass du es noch nie gefühlt hast. Völle ist zu viel des Schlechten und auch des Guten, unachtsames Hineinstopfen und trotzdem noch lechzend vor dem Kühlschrank stehen. Völle ist auch Leere trotz Übersättigung.

Rituale beim Essen: Sich etwas Gutes tun

Oft werde ich gefragt, wie ich es hinbekomme, die Motivation aufzubringen, für mich selbst zu kochen oder auch für uns - für mich und meinen Mann, weil der Alltag doch so stressig ist. Ich weiß nicht, ob es darauf eine einfache Antwort gibt. Ich habe jahrelang daran gearbeitet, meinem Umfeld meine Strategie verständlich zu machen, dabei ist sie mir vielleicht jetzt erst so richtig klar geworden . (Wo wir wieder beim Erwachsen werden sind.) Es geht gar nicht ums Essen. Es geht darum, ein Ritual zu etablieren, das Gemeinschaft und Geselligkeit fördert - egal ob allein, zu zweit oder in einer Großfamilie. Man kann sich in vielen Szenarien alleine fühlen, in der Tat habe ich mich oft allein am Tisch am wenigsten allein gefühlt. Für mich hat Essen eine Symbolik, die ich gleichstelle mit, sich etwas Gutes zu tun, den Abschluss des Tages zu feiern genauso wie wir unseren Kindern abends etwas vorlesen oder ein Bad einlassen. Ich kann das Kochen an sich aber auch als einen kreativen Impuls sehen, der einem anstrengenden Tag eine positive Wendung gibt. Wenn ich nach einem bescheidenen Tag nach Hause komme, das Gefühl habe, nur Sinnloses gemacht zu haben oder auch, wenn ich einen Sonntag grübelnd auf der Coach verbracht habe, holt mich meine Kreativität wieder zurück ins Jetzt. Ich koche dann besonders aufwändige Dinge, meistens backe ich Sauerteigbrot oder traue mich an ein neues Croissant-Rezept. All diese Dinge tue ich allein und fühle mich dabei auf einmal gar nicht mehr allein, erst einmal weil ich meditativ in meiner Passion aufgehe und auch weil ich an den nächsten Tag denke, an dem ich meine Machenschaften mit der Welt teilen kann.


Zweisam einsam: Was können wir dagegen tun?

In Gemeinschaft haben wir äußerlich seltener mit dem Problem Einsamkeit zu tun. Aber ich glaube auch das täuscht. In der Familie am Tisch zu sitzen und sich nichts zu erzählen haben, bei einem Businessmeeting bei der Arbeit kein gemeinsames Thema finden, bei Events und Veranstaltungen in der Ecke allein am Häppchen knabbern. Ist das nicht auch irgendwie einsam? Also wenn es hier um den Fall geht, in Gemeinschaft Einsamkeit zu reduzieren, plädiere ich immer da wo es geht für ein gemeinsames Vorbereiten. Das kann auch nur das toasten des Brotes sein, das Schneiden der Gurkenscheiben. Wenn ich Catering für Events anbiete, bringe ich immer eine interaktive Komponente mit ein um zu verhindern, dass wir uns eben in Gemeinschaft einsam fühlen. Wir kommen dann automatisch ins Gespräch, packen Geschichten aus und stimmen uns ab - wir gehen aufeinander ein. Und wenn das nicht geht, das Essen schon serviert und wir nur zum Essen eingeladen sind, die Sitznachbarin nicht gesprächig oder du nicht gesprächig bist, weil die Themen dir nicht zusagen, dann denk daran - du bist nicht allein. Das Essen und du, ihr seid zwei. Tu dir etwas Gutes, such dir deinen Lieblingskäse vom Büffet und genieße in vollen Zügen.